Perp-DEX erklärt: Wie Funding-Rate, Liquidation und Steuern bei Perpetual Futures funktionieren
Perpetual-Kontrakte laufen ohne Verfallstag, dafür zahlst du laufend Funding. Der Text erklärt die Mechanik hinter Perp-DEX, die Liquidationsschwellen und den regulatorischen sowie steuerlichen Rahmen in Deutschland.

Der Handel mit Perpetual-Kontrakten verlagert sich zunehmend von Börsen mit Kundenkonto auf Handelsplätze, bei denen du jede Order mit deiner eigenen Wallet unterschreibst. Sie heißen Perp-DEX. Wer die Abkürzung zum ersten Mal liest, findet dazu meist entweder Werbung oder Fachtexte für Entwickler. Dieser Text sitzt dazwischen: Er erklärt, was passiert, wenn du dort eine Position eröffnest, welche Kosten laufend anfallen und an welchen Stellen das Konstrukt bricht.
Vorweg eine Einordnung: Ein Perpetual ist ein Hebelprodukt. Die Zahlen weiter unten stammen aus der öffentlichen Dokumentation einzelner Handelsplätze und beschreiben deren Regeln, keinen Branchenstandard.
Perp-DEX gegen Krypto-Börse: Der Unterschied im Aufbau
Ein Perp-DEX ist ein Handelsplatz für unbefristete Terminkontrakte, der ohne Kundenkonto im klassischen Sinn auskommt. Du legst keine Einlage bei einem Unternehmen an, das sie für dich verwahrt. Stattdessen hinterlegst du Sicherheiten in einem Smart Contract und autorisierst jede Handlung mit deinem eigenen Schlüssel. Ein zentraler Anbieter führt kein Konto auf deinen Namen, und niemand kann dich im Regelfall vom Handel ausschließen. Das klingt nach einer Detailfrage der Verwahrung, hat aber Folgen: Es gibt keine Einlagensicherung, keine Beschwerdestelle und in vielen Fällen auch keine Stelle, die einen fehlerhaften Trade rückabwickelt.
Die Bauteile
Im Kern besteht jeder Perp-DEX aus einer Stelle, die einen Preis feststellt, einem Mechanismus, der Käufer und Verkäufer zusammenbringt, und einer Regel, die Positionen schließt, sobald die hinterlegte Sicherheit nicht mehr reicht. Alle drei sind Angriffsflächen, und die Vorfälle der vergangenen Wochen betrafen genau diese Teile.
Perpetual Futures: Der Terminkontrakt ohne Verfallsdatum
Ein klassischer Future hat einen Verfallstag. An diesem Tag wird abgerechnet, der Kontrakt endet, und wer weiter investiert bleiben will, muss in den nächsten Kontrakt wechseln. Ein Perpetual lässt diesen Verfallstag weg. Die Position läuft, bis du sie schließt oder bis sie liquidiert wird.
Damit entsteht ein Problem, das gleich zum wichtigsten Kostenfaktor wird. Ein Future nähert sich seinem Verfallstag automatisch dem Kassapreis an, weil am Ende physisch oder in bar abgerechnet wird. Ein Kontrakt ohne Verfallstag hat diesen Anker nicht. Er könnte theoretisch beliebig weit vom eigentlichen Marktpreis wegdriften. Um das zu verhindern, gibt es die Funding-Rate.
Perp-DEX im Vergleich: Gebühren, Hebel und Preisquelle auf einen BlickFunding-Rate: Was eine offene Position laufend kostet
Die Funding-Rate ist eine Zahlung, die in regelmäßigen Abständen zwischen den beiden Seiten des Marktes fließt. Notiert der Kontrakt über dem Referenzpreis, zahlen die Long-Positionen an die Short-Positionen; notiert er darunter, läuft die Zahlung in die Gegenrichtung. Über diesen Anreiz wird der Kontrakt an den Marktpreis zurückgezogen.
Wie das konkret aussieht, lässt sich an der Dokumentation von Hyperliquid nachlesen, einem der größeren Handelsplätze dieser Art. Dort wird das Funding stündlich abgerechnet, jeweils mit einem Achtel der berechneten Acht-Stunden-Rate. Die Zahlung läuft direkt zwischen den Händlern, der Handelsplatz behält davon nichts ein.
Was in der Formel steht
Die Rate setzt sich aus zwei Bestandteilen zusammen. Der eine ist der Premium-Index, also der gemessene Abstand zwischen Kontraktpreis und Referenzpreis. Der andere ist eine fest gesetzte Zinskomponente von 0,01 Prozent je acht Stunden, umgerechnet 0,00125 Prozent je Stunde oder rund 11,6 Prozent im Jahr, die an die Short-Seite geht. Der Ausgleich zwischen beiden ist auf plus/minus 0,0005 begrenzt. Nach oben gilt laut derselben Dokumentation eine harte Grenze von vier Prozent pro Stunde.
Diese vier Prozent sind der Wert, den du dir merken solltest. Sie werden im Normalbetrieb nie erreicht. In einem ungeordneten Markt, in dem alle auf derselben Seite stehen, können sie erreicht werden, und dann kostet dich das Halten einer Position binnen eines Tages einen erheblichen Teil deiner Sicherheit, ganz ohne dass sich der Kurs gegen dich bewegt hätte. Rechne das einmal für deine geplante Positionsgröße durch, bevor du sie eröffnest.
Mark-Preis und Oracle: Welcher Kurs über deine Position entscheidet
Auf einem Perp-DEX gibt es mindestens zwei Preise: den, zu dem gerade gehandelt wird, und den Mark-Preis, der darüber entscheidet, ob deine Position liquidiert wird. Beide können auseinanderlaufen.
Der Mark-Preis wird bewusst nicht allein aus dem eigenen Orderbuch abgeleitet, weil ein dünnes Buch sich mit wenig Kapital verschieben lässt. Hyperliquid beschreibt ihn als Kombination aus externen Kursen zentraler Börsen und dem Zustand des eigenen Buchs, bei GMX kommt der Preis nach Angaben der Projektdokumentation aus aggregierten Börsendaten. Eine Liquidation soll so nicht durch eine kurze Preisspitze auf einem einzelnen Handelsplatz ausgelöst werden.
Das ist die Theorie. In der Praxis ist die Preisquelle eine der verwundbarsten Stellen des gesamten Aufbaus. Wer den Preis manipuliert, den ein Protokoll für wahr hält, braucht die Verträge selbst nicht anzugreifen. Genau dieser Fall trat Ende Juli bei Ostium ein, wo sich der Vorfall nach unserer eigenen Berichterstattung als Angriff auf die Preisversorgung darstellte, während die Handelslogik selbst intakt blieb.
Liquidation: Ab welchem Kurs die Position zwangsweise schließt
Beim Eröffnen hinterlegst du eine Anfangsmarge. Sie ergibt sich aus Positionsgröße mal Mark-Preis geteilt durch den gewählten Hebel. Während die Position läuft, gilt eine niedrigere Schwelle, die Erhaltungsmarge. Fällt dein Kapital darunter, wird geschlossen.
Hyperliquid setzt die Erhaltungsmarge auf die Hälfte der Anfangsmarge beim jeweils höchsten zugelassenen Hebel. In Prozent ausgedrückt liegt sie dort zwischen 1,25 Prozent bei Werten mit vierzigfachem Hebel und 16,7 Prozent bei Werten mit dreifachem Hebel. Der zweite Wert ist der interessantere: Wo ein Handelsplatz nur wenig Hebel zulässt, verlangt er einen deutlich dickeren Puffer, weil er den Markt für weniger belastbar hält.
Wenn auch der Puffer nicht reicht
Im ersten Schritt versucht das System, die Position über gewöhnliche Markt-Orders im Buch aufzulösen. Reicht das nicht und fällt das Kapital unter zwei Drittel der Erhaltungsmarge, greift die Backstop-Liquidation: Die Position geht an einen Liquidator-Vault über, und die Erhaltungsmarge wird nicht erstattet. Anders gesagt verlierst du in diesem Fall mehr als den rechnerischen Abstand bis zum Liquidationspreis.
Nach unserer Einschätzung wird dieser Punkt am häufigsten unterschätzt. Der Liquidationspreis wirkt wie eine Grenze, an der die Sache endet; tatsächlich beginnt dort erst das Auflösen, und wie teuer es wird, hängt an der Liquidität in diesem Moment.
Orderbuch oder Liquiditätspool: Die zwei Bauarten im Vergleich
Die eine Bauart bildet ein Orderbuch nach, wie man es von einer Börse kennt: Deine Gegenpartei ist ein anderer Händler, der Preis entsteht aus Angebot und Nachfrage.
Die andere Bauart stellt einen Liquiditätspool zwischen die Parteien. Wer Kapital in diesen Pool gibt, ist die Gegenseite aller offenen Positionen und verdient an Gebühren, trägt dafür aber das Risiko, gegen erfolgreiche Händler zu verlieren. Für dich als Händler heißt das: kein Spread im klassischen Sinn, dafür Gebühren, die sich nach der Auslastung des Pools richten. Welche Bauart welcher Anbieter nutzt und was daraus für Kosten und Risiko folgt, steht in unserem Vergleich der Perp-DEX-Plattformen.
Funding und Gebühren automatisch erfassen: Krypto-Steuer-Tools im VergleichSelbstverwahrung beim Perp-DEX: Wer die Schlüssel wirklich hält
Das stärkste Argument für einen Perp-DEX lautet, dass dein Geld dir gehört, solange du es nicht in eine Position gibst. Kein Anbieter kann es einfrieren, keine Insolvenz zieht es mit. Nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre ist das ernst zu nehmen.
Beantwortet ist damit aber nur eine von mehreren Fragen. Die Sicherheiten liegen in einem Smart Contract, und dieser Vertrag ist Software. Wer ihn ändern darf, wer die Preisquelle bestimmt und wer im Notfall den Handel anhalten kann, hat mit der Verwahrung deiner Schlüssel nichts zu tun. Wir haben diese Machtverteilung Anfang August am Beispiel zweier Vorfälle durchgespielt und dabei gefragt, wer bei diesen Plattformen tatsächlich die Schlüssel hält. Bei AFX lag das Problem nach unserer Berichterstattung in der Brücke, über die Mittel zwischen Ketten bewegt wurden, also ausserhalb des eigentlichen Handelsteils.
Für die Praxis heißt das: Prüfe vor der ersten Einzahlung, ob es einen Admin-Schlüssel gibt, wer ihn kontrolliert und ob Änderungen am Vertrag einer Sperrfrist unterliegen. Diese Angaben stehen meist in der Dokumentation. Fehlen sie, ist das eine Antwort für sich.
MiCA und Perp-DEX: Warum die Regulierung hier nicht greift
Viele Anleger gehen davon aus, dass seit dem Ende der MiCA-Übergangsfrist alles reguliert sei, was mit Kryptowerten zu tun hat. Für Derivate stimmt das nicht. Die Verordnung nimmt in Artikel 2 Absatz 4 ausdrücklich jene Kryptowerte aus ihrem Anwendungsbereich aus, die Finanzinstrumente sind. Perpetual-Kontrakte sind Derivate und unterliegen damit dem Regime für Finanzinstrumente, also MiFID II.
Das ist keine Formalie. Die Zulassung, die ein Anbieter im MiCA-Register vorweisen kann, sagt über sein Derivategeschäft nichts aus, und die Anbieter, um die es hier geht, haben in aller Regel ohnehin keine Zulassung in der EU. Du handelst auf einem Handelsplatz, für den weder eine deutsche noch eine europäische Aufsicht zuständig ist, ohne Beschwerdeweg und ohne Anlegerentschädigung.
Steuern auf Perpetual Futures: Termingeschäft statt Krypto-Verkauf
Hier liegt der häufigste Irrtum, und er kostet Geld. Für privat gehaltene Kryptowährungen gilt in Deutschland die Regel des privaten Veräußerungsgeschäfts mit der bekannten Jahresfrist. Ein Perpetual ist aber keine Kryptowährung, sondern ein Termingeschäft. Das Einkommensteuergesetz erfasst in Paragraf 20 Absatz 2 Satz 1 Nummer 3 den Gewinn bei Termingeschäften, durch die der Steuerpflichtige einen Differenzausgleich oder einen durch den Wert einer veränderlichen Bezugsgröße bestimmten Geldbetrag erlangt.
Praktisch bedeutet das: Die Jahresfrist hilft dir bei Perpetuals nicht. Ein Gewinn bleibt steuerpflichtig, egal wie lange die Position offen war. Zur Verrechnung von Verlusten enthält Absatz 6 in der derzeit geltenden Fassung des Gesetzestextes keine betragsmäßige Sonderbeschränkung für Termingeschäfte mehr; früher galt hier eine gesonderte Grenze. Ob ein konkretes Produkt im Einzelfall als Termingeschäft einzuordnen ist, gehört zum Steuerberater und nicht in einen Ratgebertext. Was du selbst tun kannst, ist die Datengrundlage sauber halten: Jede Funding-Zahlung, jede Gebühr und jede Liquidation gehört lückenlos dokumentiert.
Für wen sich ein Perp-DEX überhaupt rechnet
Sinnvoll ist ein solcher Handelsplatz für erfahrene Händler, die ohne Kontoeröffnung handeln wollen, die Kosten einer Position über die Haltedauer durchrechnen können und den Totalverlust des eingesetzten Kapitals verkraften. Ungeeignet ist er für den langfristigen Vermögensaufbau, für alle, die eine Aufsicht oder einen Ansprechpartner brauchen, und für jeden, der die Funding-Kosten nicht beziffern kann.
Nach dieser Woche halten wir die Frage nach der Preisquelle für das wichtigere Auswahlkriterium gegenüber der Gebührenhöhe. Ein Handelsplatz mit günstigen Gebühren und einer angreifbaren Preisversorgung ist der schlechtere Ort.
Transparenzhinweis zu Anbietern: In unseren Vergleichsseiten sind Anbieter teilweise über Partnerlinks eingebunden. Auf die in diesem Text genannten technischen Angaben hat das keinen Einfluss; sie stammen aus der öffentlichen Dokumentation der Projekte und aus dem Gesetzestext.
Was du daraus mitnimmst
- Rechne die Haltekosten aus, bevor du eröffnest. Nimm die aktuelle Funding-Rate des Handelsplatzes, multipliziere sie mit deiner geplanten Haltedauer und stelle das Ergebnis deiner erwarteten Kursbewegung gegenüber. Welche Plattform welche Raten und welche Gebührenmodelle führt, findest du in unserem Perp-DEX-Vergleich.
- Kläre die Preisquelle und die Schlüsselgewalt. Sieh in der Dokumentation nach, woher der Mark-Preis kommt, wer den Vertrag ändern darf und ob es dafür eine Sperrfrist gibt. Wenn du diesen Rahmen nicht willst, handle stattdessen bei einem beaufsichtigten Anbieter aus unserer Übersicht regulierter Kryptobörsen.
- Richte die Aufzeichnung vor dem ersten Trade ein. Funding-Zahlungen fallen stündlich an und summieren sich zu Hunderten Einzelposten im Jahr, die später kaum zu rekonstruieren sind. Ein Tool, das die Wallet-Adresse automatisch mitliest, nimmt dir diese Arbeit ab; die gängigen findest du in unserem Vergleich der Krypto-Steuer-Tools.
(Stand: 7. August 2026. Dieser Beitrag ist keine Anlageberatung. Kurse und Gebührenmodelle ändern sich; prüfe die Konditionen vor jedem Kauf beim Anbieter selbst.)
Transparenzhinweis: Dieser Beitrag wurde unter Zuhilfenahme künstlicher Intelligenz erstellt und vor der Veröffentlichung redaktionell geprüft. Alle Zahlen und Angaben wurden gegen die im Text verlinkten Primärquellen abgeglichen. Das Beitragsbild wurde mit KI erzeugt.



























