594 BTC in 25 Minuten weg: Der Coldcard-Fehler, der Seeds berechenbar machte
Ein Firmware-Fehler von 2021 hat 38 Millionen Dollar aus rund 500 Bitcoin-Wallets gekostet. Was schiefging, wer betroffen ist und was jetzt zu tun ist.

Eine Hardware-Wallet soll genau ein Risiko ausschließen: dass irgendjemand außer dir deinen privaten Schlüssel berechnen kann. Heute früh mussten rund 500 Bitcoin-Besitzer feststellen, dass ihre Geräte an genau dieser Aufgabe gescheitert sind. Und zwar unbemerkt, seit März 2021.
Der Schaden liegt bei etwa 594 $BTC, rund 38 Millionen Dollar. Gedauert hat es 25 Minuten.
Was ist genau passiert?
Zwischen 1:31 und 1:56 Uhr UTC hat ein Angreifer am Freitag, dem 31. Juli 2026, rund 500 Bitcoin-Wallets leergeräumt. Das Vorgehen war industriell. Mehr als 1.300 einzelne UTXOs wanderten in 500 Transaktionen durch nur drei Blöcke, anschließend bündelte der Angreifer 562 BTC in einer einzigen Adresse. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung hat sich diese Adresse nicht bewegt.
Auffällig ist, wie einheitlich die betroffenen Wallets aussehen:
- Jede war mit nur einer Signatur gesichert.
- Jede hielt mehr als 0,15 BTC.
- Die meisten lagen seit Jahren unangetastet.
- Die Erstellungsdaten reichen von 2021 bis 2026, also fast genau über den Zeitraum, in dem der Fehler aktiv war.
Der letzte Punkt ist der entscheidende. Der Angreifer hat seine Ziele nicht durch Beobachtung des Netzwerks ausgewählt. Wer betroffen war, entschied sich danach, wann die jeweilige Wallet erstellt wurde.
Wie kann man Schlüssel erraten, die niemand erraten können soll?
Hier liegt der Kern der Sache, und er hat nichts mit Phishing, Schadsoftware oder einem infizierten Rechner zu tun.
Ein Bitcoin-Seed soll zufällig aus einem so gigantischen Zahlenraum gezogen werden, dass Raten rechnerisch aussichtslos ist. Das gesamte Sicherheitsmodell steht und fällt damit, dass dieser Zufall echt ist. Genau deshalb enthalten Hardware-Wallets einen eigenen Zufallszahlengenerator: damit der Zufall nicht von Software abhängt.
Laut einer Analyse der Bitcoin-Engineering- und Sicherheitsteams von Block hat die betroffene Coldcard-Firmware ihn nicht genutzt.
Eine Konfigurationseinstellung wies das Gerät an, den eigenen Hardware-Zufallszahlengenerator zu überspringen. Eine Prüfung in einer verwendeten Programmbibliothek testete daraufhin nur, ob diese Einstellung überhaupt vorhanden war, nicht aber, ob sie aktiv war. Ohne funktionierende Hardware-Quelle und ohne Fehlermeldung fiel die Schlüsselerzeugung auf einen einfachen Software-Ersatz zurück. Gespeist wurde er aus der Seriennummer des Geräts und seinen internen Zeitregistern.
Keiner dieser beiden Werte ist ein Geheimnis. Die Seriennummer ist feste Werksinformation. Die Zeitwerte lassen sich eingrenzen oder an einem identischen Gerät einfach nachmessen.
Das Ergebnis: Aus einem Seed, der einer von unvorstellbar vielen sein sollte, wurde eine lösbare Rechenaufgabe. Coinkite, das kanadische Unternehmen hinter Coldcard, hat die Ursache auf eine Code-Änderung vom 1. März 2021 zurückverfolgt, ausgeliefert mit Firmware 4.0.0 im selben Monat.
Der Fehler steckte damit fast fünfeinhalb Jahre im Produktivbetrieb, bevor ihn jemand ausgenutzt hat.
Jetzt Hardware-Wallets vergleichen: Modelle, Sicherheitsmerkmale und Preise auf einen BlickWelche Coldcard-Geräte sind betroffen?
Der Sicherheitshinweis von Coinkite betrifft Mk3-Geräte, auf denen der Seed unter Firmware 4.0.1 oder neuer erzeugt wurde. Nach erster Analyse geht das Unternehmen davon aus, dass Mk4, Q und Mk5 nicht betroffen sind.
Ein Punkt ist dabei entscheidend: Es kommt darauf an, welche Firmware zum Zeitpunkt der Wallet-Erstellung lief, nicht wann du das Gerät gekauft hast oder welche Version heute darauf installiert ist. Ein Firmware-Update behebt einen Seed nicht nachträglich, der mit schlechtem Zufall entstanden ist. Das Schlüsselmaterial ist bereits schwach.
Die Berichterstattung zur vollständigen Liste der betroffenen Modelle ist bislang nicht einheitlich, und die Untersuchung läuft weiter. Wenn dein Seed auf einer älteren Coldcard entstanden ist, behandle ihn als verdächtig, bis Coinkite Gegenteiliges bestätigt. Darauf zu setzen, dass dein Modell auf der sicheren Liste steht, ist derzeit die schlechtere Wette.
Was solltest du jetzt tun, wenn du eine Coldcard nutzt?
Coinkite ruft betroffene Nutzer dazu auf, ihre Bestände zu verschieben. Konkret heißt das:
- Kläre, welches Gerät mit welcher Firmware deinen Seed erzeugt hat. Nicht, was heute darauf läuft. Was damals darauf lief.
- War es eine Mk3 mit Firmware 4.0.1 oder neuer, gilt der Seed als kompromittiert. Nicht als gefährdet. Als kompromittiert.
- Erzeuge eine neue Wallet auf einem Gerät, dem du begründet vertraust, und übertrage die Bestände. Den alten Seed nirgends weiterverwenden.
- Warte nicht darauf, dass sich dein Verdacht bestätigt. Die heute geleerten Wallets lagen überwiegend still, ihre Besitzer haben also nicht hingeschaut. Für den Angreifer kostet jedes zusätzliche Ziel praktisch nichts.
- Denke bei größeren Beträgen über Multi-Signatur nach. Jede in diesem Fall geleerte Wallet war mit nur einer Signatur gesichert. Ein Multi-Signatur-Setup über Geräte verschiedener Hersteller hätte einen Fehler bei einem einzelnen Anbieter überlebt.
Wer seinen Seed über Würfelwürfe selbst erzeugt hat, eine Funktion, die Coldcard seit Langem anbietet, war je nach Einstellung nicht auf den fehlerhaften Zufallszahlengenerator angewiesen. Prüfe im Zweifel, ob dein Seed rein aus den Würfelwürfen oder aus einer Mischung mit dem Gerätezufall entstanden ist.
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Warum hat der Bitcoin-Kurs nicht reagiert?
Er hat sich kaum bewegt. Bitcoin notierte im Tagesverlauf um 63.847 $, rund 1 % im Minus, und war auf Wochensicht schon vor der Nachricht schwächer.
Das liegt zum Teil an der Größenordnung. 38 Millionen Dollar sind gegenüber einer Marktkapitalisierung von 1,28 Bio. $ ein Rundungsfehler, und die gestohlenen Coins wurden nicht verkauft, sondern nur gebündelt. Zum Teil liegt es aber auch am aktuellen Marktumfeld. In dieselbe Woche fielen ein Rekordabsturz koreanischer Aktien über zwei Tage und eine Erholung von 17 % im KOSPI. Der Kryptomarkt hat beides ignoriert. Ein Markt, in dem kaum etwas eine Reaktion auslöst, ist nicht automatisch ein starker Markt.
Was sagt der Vorfall über Hardware-Wallets aus?
Drei Punkte, die man von der Aufregung trennen sollte.
- Bitcoin selbst hat nicht versagt. Das Protokoll hat exakt so funktioniert, wie es soll. Es hat gültige Signaturen aus Schlüsseln verarbeitet, die der Angreifer rekonstruieren konnte. An Bitcoins Kryptografie war nichts kaputt.
- Es ist kein Argument gegen Eigenverwahrung. Der Zusammenbruch von Börsen hat Anleger wiederholt deutlich mehr als 38 Millionen Dollar gekostet. Die Lehre lautet nicht, dass Eigenverwahrung unsicher ist. Sie lautet, dass eine Hardware-Wallet ein kleiner Computer mit Software darauf ist, und Software hat Fehler.
- Es ist ein Argument gegen einzelne Schwachpunkte. Das Unangenehme an diesem Fall ist die Verzögerung. Ein stiller Fehler beim Zufall zeigt keine Symptome. Nichts sieht falsch aus. Keine Warnung, keine fehlgeschlagene Transaktion, kein Hinweis. Die Wallet funktioniert fünf Jahre lang einwandfrei und dann, innerhalb von 25 Minuten, nicht mehr.
Genau das spricht für Multi-Signatur, für Geräte von mehr als einem Hersteller und für selbst erzeugte Entropie bei größeren Beständen. Nicht, weil ein einzelnes Gerät grundsätzlich nicht zu trauen wäre, sondern weil ein Gerät, das stillschweigend versagt, dir keine Gelegenheit gibt, es zu merken, bevor es darauf ankommt.





























